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Aus dem Schatten der Geschichte

Samstag, 12. März 2011, 13:15 Uhr

Von versunkenen Dörfern und Geistermühlen –
das Aulheimer Tal


Zwischen Wendelsheim und Flonheim erreicht das enggeschnittene Tal der Wiesbach seinen landschaftlichen Höhepunkt. Abseits vom Getriebe größerer Städte scheint hier ein rätselhafter Zauber alle Zeit der Welt angehalten zu haben.

Granatförmige, weißgekalkte Weinbergshäuschen, hier zulande Trulli genannt, erinnern an apulische Vorbilder. Wann sie erbaut wurden und von wem, ist, so sagen die einen, ungewiss. Andere datieren die Zeit ihrer Erbauung irgendwann in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Erbauer der Trulli seien apulische Gastarbeiter gewesen, welche in den nahegelegenen Flonheimer Steinbrüchen ihr Brot verdienten. Bereits die Römer bauten in diesen Steinbrüchen den berühmten ‚Flonheimer Sandstein‘ ab. Von der Qualität des Sandsteins und seiner kunsthandwerklichen Bearbeitung kann sich der Besucher im nahen Flonheim überzeugen: Eine große Zahl von Häusern des 17. und 18. Jahrhunderts ist mit bemerkenswerten Sandsteinportalen und Torbögen geschmückt.

Errichtet wurden Trulli in der sogenannten Kragbauweise, was heißt, dass die flachen Steine nach jeder Lage etwas nach innen versetzt wurden. Krönender Abschluss ist ein Zippus, der aus einem viereckigen Schlussstein und einer Kugel besteht. Folgt man einem Seitental der Wiesbach, dem Aulheimer Grund, so findet sich auf dem Schneeberg in Höhe der Aulheimer Mühlen inmitten ausgedehnter Rebflächen ein Trullo, dessen Türsturz die Jahreszahl seiner Errichtung – 1756 – trägt. Die Initialen ‚H Z‘ im Türsturz stehen für Johann-Hannes Zimmer (1703–1781), Wirt des Gasthofes zum Engel. Von hier geht der Blick weit über das Tal der Wiesbach und den Aulheimer Grund bis zu den bewaldeten Hügeln der nahen Rheinhessischen Schweiz. Über den hitzeflirrenden schroffen Felsen und dem Goldnetz verdorrter Gräser liegt ein fast mediterranes Licht.

Das Trockental des Aulheimer Grundes folgt ziemlich genau östlicher Richtung; während die Südseite des Tals auf fruchtbarem Lößboden Reben, Getreide und Viehweiden trägt, stehen an den südexponierten Hängen der Nordseite basaltische Eruptivgesteine an. Die besonderen geologischen und klimatischen Bedingungen begünstigten die Entwicklung einer überaus seltenen, artenreichen und schützenswerten Steppenheideflora. Da die Trockenhänge des Tals keine landwirtschaftliche Nutzung zuließen, tragen sie noch heute eine recht naturnahe Vegetation. Bis in jüngster Zeit wurden die kargen Hänge als Schaftriften und Ziegenweiden genutzt.
    
Kommt man von der Geistermühle, fällt nach wenigen hundert Metern talaufwärts linker Hand das schroffe Felsmassiv der Rabenkanzel auf. Nach einer Sage sollen hier Hexen hingerichtet und in die Tiefe gestürzt worden sein. Über die Leichen machten sich dann, so will der Volksmund wissen, Scharen von Krähen her. Eine sehr unorthodoxe Art, sogenannte Hexen ins Jenseits zu befördern. Eine Sage also? Kaum zwei Kilometer von der Rabenkanzel entfernt in Richtung Bornheim findet man in topographischen Karten die Flurbezeichnung ‚Galgen’. Die Annahme, hinter dieser sinistren Benennung den Hinweis auf eine mittelalterliche Hinrichtungsstätte zu vermuten, lässt sich zunächst nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Die Karte „Kriegstheater der teutschen und französischen Grenzlanden zwischen Rhein und Mosel 1794–1797“ zeigt eben diesen Galgen. Nahmen die Raben am Ende ihr schauriges Mahl dort ein?

Zurück zu den Tatsachen. Unten im Tal, nahe den Aulheimer Mühlen, lag im Mittelalter ein Dorf. Hier an den Mühlen fließen zwei Bäche zusammen – traurige Rinnsale eher, welche die Frage aufkommen lassen, wie man damit eine Mühle betreiben konnte. Richard Wilhelm datiert in seinem Aufsatz ‚Ein Wald in Rheinhessen‘(1) die erste schriftliche Nennung Aulheims in einer Urkunde des Flonheimer Stiftes auf das Jahr 1304.

Über den Ursprung des Namens Aulheim wurde und wird spekuliert. So wurde auch das lateinische ‚ula‘ für Topf, Töpferei bemüht. Diese These stützen Funde aus dem Jahre 1957. Damals fand Dr. F. Zimlich in einer ca. 80 cm mächtigen Kulturschicht „gegenüber der Geistermühle Reste von Schalen, Gefäßen, Dachziegeln und Eisenteilen römischen Ursprungs, eine Bronzemünze des Kaisers Marc Aurel (161–180 n. Chr.) und legte Reste einer römischen Straße frei.“(2) Man darf aus diesen Resten auf eine römische Ansiedlung, wenigstens auf einen römischen Straßenposten schließen. Dieser hatte die Wegeverbindung zwischen Mertesheim (Eistal) über Albisheim, Stetten, Offenheim und Erbesbüdesheim, vorbei an der Geistermühle nach Wöllstein zu sichern. Frau Zimlich-Müller, die heutige Besitzerin der Geistermühle, erwähnte in einem Gespräch mit dem Autoren einen spätrömischen Friedhof in der Nähe eines aufgelassenen Sandsteinbruches. Funde von Holzkohlestücken, Eisenerzschlacke und erzhaltigem Gestein lassen zudem auf eine Verhüttungsstätte schließen. Zurück zu den gesicherten schriftlichen Nennungen. „Im Jahre 1333 geben Graf Friedrich VI. von Leiningen und seine Gattin Jutte ihre Einwilligung, dass Ritter Gottfried von Randeck die Güter in den Dörfern und Marken zu Budesheim, Rode, Ulnheim und Nache, die derselbe von ihnen zu Lehen habe, von Graf Johann II. von Sponheim und dessen Erben empfangen möge; 1336 Schonecke von Flörsheim, dass sie die, mit Einwilligung des Grafen Friedrich VI. von Leiningen, dem Grafen Johann II. von Sponheim übergebenen Höfe und Dörfer ... zu Lehen erhalten haben und forthin von allen dessen Erben, die Herren zu Kreuznach sind, empfangen wollen. 1438 belehnt Graf Friedrich III. von Veldenz Gottfried von Randeck und dessen Bruder Philipp, nach dem Inhalte des Briefes, den er vom Grafen Friedrich VI. von Leiningen und dessen Gattin Jutte in den Händen hat, mit den Lehen in den Dörfern und Marken zu.... Uwelnheym ..., die von der Grafschaft Sponheim rühren.“(3) Bereits im 15. Jahrhundert setzt – aus bislang unbekannten Gründen – der Niedergang des Dorfes ein. Wird 1492 noch eine Hofstatt zu Ulnheym schriftlich erwähnt, so ist kaum hundert Jahre später auch der Friedhof wieder Weide und Acker geworden. Das mittelalterliche Aulheim dürfte die Größe eines knappen Dutzend Gehöfte umfassenden Dorfes nur wenig überschritten haben. So nimmt es nicht wunder, wenn Wilhelm(1) in seinem Aufsatz bemerkt, dass Aulheim wohl nie über eine eigne Pfarrei und Kirche verfügte. Von seinen Bewohnern verlassen, hat die Zeit auch die letzten Siedlungsspuren von dem einstigen Dorf getilgt.

Wie Perlen an einer Kette sind eine Reihe bemerkenswerter Kultur- und Naturschätze auf der Route zu unserem Exkursionsziel aufgereiht, die allesamt einen Besuch wert sind.

Bis 1997 stand in der Ortsmitte Schimsheims, direkt an der  Durchgangsstraße  nach  Armsheim  die  vielleicht älteste, mit Sicherheit aber mächtigste Ulme Rheinhessens. Vor rund 750 Jahren erstmals urkundlich erwähnt, wurde ihr Alter auf stattliche 1000 Jahre geschätzt. Ulmenkrankheit, Sturmbruch, Blitzschlag und Brände zerstörten den Baum auf eine Höhe von ca. 3 Metern.  Mit einem Umfang von 17,5 Metern hatte diese eindrucksvolle Baumpersönlichkeit über viele Jahrhunderte den räumlichen und geistigen Mittelpunkt Schimsheims bestimmt.

Wandern im Aulheimer Tal

Auf derart geschichtsträchtigen Spuren wandert man zunächst talaufwärts, vorbei am Naturdenkmal Rabenkanzel und an den Aulheimer Mühlen linker Hand den Schneeberg hinauf zum Trullo Weißes Häuschen. Durch ausgedehnte Wingerte geht es weiter zu den aufgelassenen Flonheimer Steinbrüchen. Längst hat die Natur wieder Besitz von den Steinbrüchen ergriffen. (Bitte Beschilderung ‚Naturpfad‘ folgen.) Nächstes Ziel ist das Wäldchen auf der Oswaldshöhe. Durch lichten Laubwald führt ein Pfad zu einem Aussichtsturm. Wer gerade erst richtig warm geworden ist, dem sei der Weg über die Gewann Grindkopf, Richtung Erbes-Büdesheim empfohlen. Kurz hinter dem Wingertsberg mit reizvoller xerothermer Flora halten wir uns rechts. Lobenswerterweise hat man in der Gemarkung von Erbes-Büdesheim nach der Flurbereinigung viele Kilometer Feldhecken abgepflanzt, was den Reiz der Feldflur auf das Trefflichste unterstreicht. Vom Wingertsberg aus können wir das weitgespannte grüne Raster der Feldhecken überblicken. Ein Abstecher zu einem kleinen israelitischen Friedhof erinnert an die einst zahlreichen jüdischen Gemeinden dieser Region. Über die Aulheimermühlen geht es zu unserem Ausgangspunkt bei der Geistermühle zurück.

Anfahrt über die A 63, Abfahrt Wörrstadt. Dann über Rommersheim und Schimsheim, weiter über Armsheim und Flonheim auf der L 407 nach Uffhofen und zur Geistermühle.

Mögliche Strecken:

  • Geistermühle – Aulheimer Mühlen – Weißes Häuschen (ca. 1,5 km)
  • Weißes Häuschen – Steinbrüche „Naturpfad“ (ca. 1,5 km)
  • Steinbrüche – Oswaldshöhe – Aussichtsturm (ca. 2,5 km)
  • vom Aussichtsturm Richtung Erbes-Büdesheim zum Wingertsberg – Jüdischer Friedhof (ca. 3 km)
  • Jüdischer Friedhof – Aulheimer Mühlen – Aulheimer Tal – Geistermühle (ca. 3 km)

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